Ausflugstipp zum Kennenlernen von Leipzig und seiner Psychiatriegeschichte

Thomas Müller, Mitarbeiter des Durchblick e.V. und Leiter des Sächsischen Psychiatriemuseums, führte den sozialpsychiatrisch-historischen Stadtrundgang durch Leipzigs Innenstadt – inhaltlich einsame Spitze! – durch. Der Stoff wird eher entlang Hintergründen denn an Jahreszahlen entlang dargeboten. Jene standen im Flyer. Es wurden unter dem Gesichtspunkt „Psychiatrie als Gemeindeangelegenheit“ viele Informationen aus dem vorletzten Jahrhundert vermittelt. Dabei wurden Institutionen sowie Einzelpersonen vorgestellt.

Im Mittelalter wurden störende Menschen bis weit vor die Stadt hinausgefahren, mit Geld versehen, und man hoffte, sie kämen nie wieder. Das älteste, im 13. Jahrhundert gegründete Hospital St. Georg lag an der alten Via Regia (Handelsstraße). Wirklich alle Gruppen von Bedürftigen kamen. Psychisch Kranke wurden im separaten Dollen Häusgen mit den zeittypischen, pflegerischen Behandlungsversuchen (häufiges Kopfwaschen u.a.) untergebracht. (Noch heute gibt es ja den Spruch: „Dir muss wohl mal der Kopf gewaschen werden!“) 1701 zog das St. Georgenhospital in die Stadt und wurde zur Zucht- und Korrektionsanstalt. Diese Sichtweise auf alle Auffälligen war ab Ende des 17. Jahrhunderts zu beobachten. Arbeit wurde als Heilungsmittel eingesetzt. Die InsassInnen waren auf Gnade verurteilt. Die Irren zogen 1850 in die Irrensiechenanstalt im Jakobshospital um, wo sie in Heilbare und Unheilbare unterschieden wurden und zweitere nach Colditz bzw. Pirna-Sonnenstein verlegt wurden. Die Universitätsklinik nahm solche auf, die unter Forschungsgesichtspunkten interessant schienen.

Am Markt liegt das Restaurant, in dem von 1880 bis 83 das so genannte „Leipziger Nervenkränzchen“ stattfand. Die Ärzte erzählten sich beim Bierstammtisch, was sie wieder Spannendes in welchen toten Gehirnen gefunden hatten. Bei diesem fächerübergreifenden Stammtisch entstanden multiprofessionelle Freundschaften, die sich auf weitere entwickelte Theorien positiv auswirkten. Thinktanks (Denkfabriken) von damals … („Nervenkränzchen“ heißen die Treffen der Neurologen in Berlin auch heute noch.)

Der vielseitige und umstrittene Nervenarzt Paul Möbius stellte als einer der ersten die These auf, dass progressive Paralyse (fortschreitende Lähmung) auf Syphilis zurückzuführen sei. Hysterie, das Modethema der Zeit, sah er noch vor Freud als psychisch bedingt an. Möbius war ein großer und beliebter Spezialist in Hypnosetherapie. Er schrieb über zehn Monographien über Philosophen mit der Grundfrage: Wie kann mensch erklären, dass diese Menschen so besonders geworden sind? Er war ein großer Querdenker. Im Alter war er einsam und auf langen Spaziergängen an dem weißen Rauschebart und dem schwarzen Pudel erkennbar.

Der weltweit erste Lehrstuhlinhaber für Psychiatrie, J.C.A. Heinroth, meinte, der Überschwang der Triebe und der Leidenschaft seien die Ursachen für psychische Erkrankung. Die Aufgabe der Psychiatrie sei es, diese fehlgeleiteten Menschen wieder auf den rechten Weg zu bringen. Er gab wichtige Impulse für die Zukunft mit dem Gutachten zu Woyzeck.

Der Fleischer Woyzeck erstach 1821 in Leipzig die Witwe Woost. Im Gefängnis hielt er während eines Gutachterstreites über seine Schuldfähigkeit drei Jahre aus. 1824 fand auf dem Markt seine und damit die letzte öffentliche Hinrichtung in Leipzig statt.

Sowohl der Musiker Robert Schumann im „Zum arabischen Coffe Baum“ als auch der Philosoph Nietzsche sollen sich in Leipzig mit Syphilis infiziert haben. Zweiterer soll „ein zu starker Onanist“ und deshalb geisteskrank gewesen sein. Wir begegneten zwei Schriftstellern, dem „betrunkenen Shakespeare“ Christian D. Grabbe sowie Karl May, für den eigens die Diagnose „Pseudologia Phantastica“ erfunden wurde. Im Johannapark lernten wir vom Familiendrama um Johanna Schulz, geb. Seyfferth, die nach standesgemäßer Zwangsverheiratung bereits mit 21 Jahren starb. Der Vater setzte seiner Tochter 1865 mit diesem Park ein Gedächtnis. Abschließend wurde der Vater des berühmten Psychiatriepatienten Daniel Paul Schreber erwähnt, der zu Hause ein sehr schlechter Erzieher war, jedoch als Pädagoge die Idee der Schrebergärten mit Spielplätzen für Kinder aufbrachte.

Im Psychiatriemuseum fielen besonders die Zwangsutensilien auf, z.B. ein menschenlanges großmaschiges hellbraunes Netz, in dem eingebunden die Menschen oben und unten ans Bett fixiert wurden. Bei Ansicht des von Siemens hergestellten Konvulsators (Elektroschock-Anwendung) fühlte ich mich als Spandauerin fast wie zu hause (Sitz von Siemens). Nachdem wir im Garten noch mit Grillwürstchen und herrlichem Kartoffelsalat verwöhnt wurden, ging es erschöpft mit Interconnex nach Berlin zurück. Die fast 4-stündige Führung war für alle, besonders für die beiden Gehbehinderten, mühevoll in der Nachwirkung.

Fazit: Eine außergewöhnliche Bereicherung, jedoch sollte bei körperbehinderten TeilnehmerInnen auf einer Kürzung oder/und über eine anders gestalteten Darbietung nachgedacht werden werden.

Heike Oldenburg

September 2008

Psychiatriemuseum Leipzig, Mainzer Str. 7, 04109 Leipzig, Tel.: 0341-14061413, Www.psychiatriemuseum.de, Führung ca. 2,5 Std.: 6 € (5 € erm.), als Gruppe ab 10 Personen buchbar

Anfahrt: Interconnex ab Berlin 2x tgl., ab 12 €, ab Leipzig-Hauptbahnhof Tram 1, 2 (Richtg. Lausen) oder 14 (Richtg. Plagwítz), bis Haltestelle „Marschnerstraße”

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